Koloniales Erbe – das Afrikahaus

Ein Einblick in die Historie der Firma C. Woermann

Adolph Woermann übernahm im Jahre 1880 das Familienunternehmen C. Woermann von seinem Vater. Das Unternehmen betrieb, wie zahlreiche andere Hamburger Handelshäuser, einen regen Handel in Westafrika, importierte unter anderem Palmöl und Kautschuk und wurde bald zum wichtigsten deutschen Unternehmen in der Region.

Als Adolph Woermann das Familienunternehmen übernahm, gab es noch keine deutschen Kolonien in Westafrika. Er erkannte zu jenem Zeitpunkt jedoch schon, dass Kolonien nicht nur seinem Geschäft, sondern auch dem damals noch jungen Kaiserreich zahlreiche neue Möglichkeiten versprachen. In einer Rede vor der Geografischen Gesellschaft 1879 in Hamburg sprach Woermann von den „ungehobenen Schätzen“ Afrikas, von der „Fruchtbarkeit des Bodens“ und der „Arbeitskraft vieler Millionen Neger“. Er beschrieb zudem, dass es hierbei nur auf die „richtigen Leute“ ankäme, die bei einer solchen Mission nicht nur Geld verdienen, sondern – einer eurozentristisch-zivilisatorischen Logik folgend – „gleichzeitig eine grosse Kultur-Mission erfüllen“.

Der damalige Reichskanzler Otto von Bismarck stand Kolonien zunächst skeptisch gegenüber:

„Einerseits beruhen die Vortheile, welche man sich von Colonien für den Handel und die Industrie des Mutterlandes verspricht, zum größten Theil auf Illusionen. Denn die Kosten, welche die Gründung, Unterstützung und namentlich die Behauptung der Colonien veranlaßt, übersteigen (…) sehr oft den Nutzen, den das Mutterland daraus zieht, ganz abgesehen davon, daß es schwer zu rechtfertigen ist, die ganze Nation zum Vortheile einzelner Handels- und Gewerbszweige, zu erheblichen Steuerlasten heranzuziehen. (…) Endlich würde der Versuch, Colonien auf Gebieten zu gründen, deren Oberhoheit andere Staaten, gleich ob mit Recht oder mit Unrecht, in Anspruch nehmen, zu mannigfachen und unerwünschten Conflikten führen können.“

Bismarck 1871, S.22

Deutschland hat(te) Kolonien!

Doch auch er ließ sich alsbald von den Vorhaben der Kaufleute und Teilen der deutschen Bevölkerung überzeugen. 1883 wurde Adolph Woermann, auf Basis einer von der Hamburger Handelskammer eingereichten Denkschrift an die Regierung des Deutschen Reiches, zu Bismarcks Berater in „Kolonialfragen“ ernannt. Der Einfluss der reichen Kaufleute Hamburgs war nicht zu leugnen, und so wurde Afrika zu einem Ziel der ihrer ökonomischen, „kulturellen“ sowie „zivilisatorischen“ Bestreben.

Mit dem Erwerb sogenannter „Schutzgebiete“ im Jahre 1884 zementierte das Deutsche Reich die eigenen kolonialen Bestrebungen. Zu diesen Gebieten zählten u.a. die heutigen Staaten Kamerun, Togo, Namibia („Deutsch-Südwestafrika“), Tansania, Ruanda und Burundi („Deutsch-Ostafrika“) sowie Kiautschou in China und die „Deutschen Schutzgebiete in der Südsee“, die aus einigen Inselgruppen im Pazifik bestanden.

Das Tor zur kolonialen Welt

Als direkte Folge dieses Erwerbs stieg Hamburg zum „Tor zur kolonialen Welt“ auf. Der Hamburger Hafen wurde zur Hauptdrehscheibe des Handels mit Kolonialwaren: Palmöl, Kautschuk, Kaffee, Zimt, Elfenbein und weitere koloniale Güter wurden zunächst von „Übersee“ nach Hamburg verschifft und in der Speicherstadt gelagert.
Der Export aus dem Hamburger Hafen bestand hingegen vor allem aus Kleidung, Waffen und Alkohol. Auf die Schiffe der Woermann-Linie und der Deutschen-Ost-Afrika-Linie stiegen zahlreiche Akteure*innen, die ihre Fährten in den Geschichtsbüchern hinterließen. Sei es als Kaufleute, Kolonialbeamte oder Siedler*innen, die sich in den „Schutzgebieten“ niederließen.

Genauso gab es Neuankömmlinge aus den Kolonien nach Hamburg, darunter Menschen, die in den von Carl Hagenbeck veranstalteten „Völkerschauen“ zur Schau gestellt wurden. Diese dienten u.a. dem Zweck, die Rückständigkeit der Kolonien unter Beweis zu stellen und eine Argumentation für eine „Zivilisierungsmission“ in anderen Teilen der Welt zu untermauern. Auf diese Art sollte vor allem die Gewalt, die einen Hauptbestandteil des europäischen Kolonialismus darstellte, legitimiert und verharmlost werden.

Einen grausamen Höhepunkt erreichte die deutsche Kolonialherrschaft mit dem Aufbruch deutscher Soldaten und Kriegsmaschinerie nach Deutsch-Südwestafrika. 1904 leisteten die dort lebenden Herero Widerstand gegen die Kolonialherrschaft. Mit dem Einsatz des Offiziers Lothar von Trotha als Kommandeur der deutschen Schutztruppen wurde dieser brutal niedergeschlagen. Zum Sommer 1904 mündeten die Kämpfe zwischen deutschen Soldaten und Herero in die Schlacht am Waterberg. Nachdem bis zu 60.000 Herero die Flucht in die Omaheke-Wüste gelang, ließ von Trotha die Wüste abriegeln und erließ im Oktober desselben Jahres einen Schießbefehl: Laut diesem sollte jede*r Herero, der*ie sich einer Wasserstelle näherte, erschossen werden. Dieser Befehl von Trothas dokumentiert den Beginn des ersten Genozids des 20. Jahrhunderts. Auch der Aufstand der Nama im selben Jahr wurde von deutschen Schutztruppen grausam beendet, Tausende Nama starben in deutschen Konzentrationslagern.

Der wichtigste Knotenpunkt für das „Sammeln und Verschiffen“ militärischer Einheiten in die deutschen Kolonien war der Hamburger Hafen. Ab 1901 unterhielt die Woermann-Linie das Monopol zur Beförderung von Regierungspersonal und -gütern und organisierte auch den Transport der Deutschen Soldaten, die für den Völkermord an den Herero und Nama verantwortlich waren.

Kritik an Woermann und der Fall des Kolonialreiches


Der deutsche Publizist und Politiker Matthias Erzberger übte 1906 im Reichstag Kritik an Woermanns Vormachtstellung aus. Er bezeichnete diesen zudem als „Kriegsgewinnler“, der sich an den Zuständen auf dem afrikanischen Kontinent bereichere. Außerdem illustrierte er das Fehlverhalten anderer deutscher Offizieller und Akteure*innen, sowie die Misswirtschaft der besetzten Gebiete.

Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieges – und dem Verlust der Kolonien – begann ein neues Kapitel. Nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags verlor das Unternehmen C. Woermann alle seine Investitionen und die meisten seiner Schiffe. Von 1917 bis 1920 wurden restliche Anteile an der Woermann-Linie und der Teilhabe an der Deutschen-Ost-Afrika-Linie verkauft. Mit dem Verlust des Auslandsvermögens ging eine Teilung der Geschäftsbereiche des Unternehmens C. Woermann in Westafrika (C. Woermann) sowie in Angola und Südwest-/Ostafrika (Woermann & Brock & Co.) einher.

Dieser Beitrag dient keineswegs als Darstellung der gesamten deutschen Kolonialgeschichte. Hierfür ist dieses düstere Kapitel zu umfassend. Er soll jedoch die Schlüsselpunkte und die Verwobenheit dieser mit der Hamburger Geschichte und einiger ausgewählter Akteur*innen herausarbeiten und einen häufig vergessenen und beschönigten Teil aus unserer Geschichte hervorheben.